Im OMR Podcast spricht der Dortmunder Unternehmer Jean-Pierre Kraemer offen über seinen Weg vom Porsche-Praktikanten an die Spitze von YouTube, warum er seine TV-Karriere heute kritisch sieht und weshalb er bis heute jeden Tag selbst in der Werkstatt steht. Ein Porträt eines Unternehmers, der vieles anders macht als der Rest.


Wer Jean-Pierre Kraemer treffen will, muss nach Dortmund kommen. Auf Events sieht man ihn praktisch nie, Abendessen nach Drehs lehnt er konsequent ab. „Wenn ich zum Beispiel irgendwo eingeladen bin oder ich übernachte irgendwo bei einem Dreh – dann sind die meisten so: Können wir nicht mit dem Kraemer Abendessen? Dann wissen meine Jungs: Er wird nach dem Dreh auf sein Hotelzimmer gehen und morgens ist er pünktlich wieder da.“ Auch beim OMR-Gründer Philipp Westermeyer macht er eine Ausnahme nur, weil dieser zu ihm in die Werkstatt kommt. Heraus kommt ein ungewöhnlich offenes Gespräch über Erfolg, Disziplin – und eine deutliche Portion Selbstkritik.

Die Begegnung, die alles veränderte

Kraemers Geschichte beginnt mit einem Zufall, der heute fast absurd klingt. Als Jugendlicher aus eher einfachen Dortmunder Verhältnissen begleitete er die Tochter eines Bekannten zu einem Golfturnier. Dort fiel er auf – und zwar negativ: laut, frech, in Bergehose und Cap zwischen lauter etablierten Geschäftsleuten. Statt ihn rauszuwerfen, sprach ihn der Vater des Mädchens direkt an: „Montag, neun Uhr, bist du bei mir im Laden.“ Der Laden war das Porsche-Zentrum Dortmund.

Fünfzehn Minuten nach Arbeitsbeginn saß Kraemer das erste Mal allein in einem Porsche 993 und sollte einen Wagen wegbringen. „Wo geht der Schlüssel rein? Ah, okay, da ist ein Zündschloss – wie dumm.“ Vom Praktikum ging es in die Ausbildung. Die Lehre dieser Begegnung trägt er bis heute mit sich: „Ich mache das heute noch mit sehr vielen jungen Leuten. Wenn man ins richtige Glas wirklich sehr viel Vorschuss gibt, kommt noch mehr raus, als du wirklich dachtest.“

„Ich hätte Nein sagen sollen“

Bekannt machte ihn dann das Fernsehen: erst RTL II, dann „Die PS-Profis“ auf Sport1 – über 100 Folgen, eines der erfolgreichsten Produkte des Senders. Doch der Anruf von Focus TV kam überraschend, und Kraemer wollte zunächst gar nicht. Ein ganzes Jahr lang sagte er Nein. Dass er irgendwann einwilligte, sieht er heute als seine wahrscheinlich folgenreichste Fehlentscheidung.

„Ich hätte dabei bleiben sollen beim Nein. Der Preis ist viel zu hoch“, sagt er im Podcast. Er sei „nicht der Typ“ für ein Leben im Rampenlicht. Klar – finanziell wäre es ohne TV nicht so groß geworden. „So fucking what?“ Sein Unternehmen, seine Leidenschaft, sein Können hätten ihn auch ohne Bildschirm getragen, glaubt er.

Der Sprung zu YouTube – gegen alle Warnungen

Frustriert von den TV-Schnitten, die seine ausführlichen technischen Erklärungen zu Slapstick-Häppchen zusammenkürzten, beschloss Kraemer 2012, YouTube ernst zu nehmen. Damals existierten dort fast ausschließlich hochgeladene Fernsehbeiträge. Die TV-Verantwortlichen waren entsetzt: „Du machst dich lächerlich, das wird keiner gucken. Keiner will Erklärungen sehen. Das kann Konsequenzen haben, dass wir die Sendung nicht mehr weitermachen können.“

Es kam anders. Bis zu 30.000 Abonnenten pro Tag gewann der Kanal in der Hochphase – allein durch organisches Wachstum, ohne bezahlte Kampagnen. Heute folgen JP Performance mehr als 2,6 Millionen Menschen, die Aufrufzahlen liegen im Milliardenbereich. Damit ist Kraemer mit Abstand der größte deutschsprachige Auto-Influencer.

Was Zuschauer wirklich wollen

Spannend ist, was Kraemer rückblickend als seinen wichtigsten Lernmoment beschreibt. Drei verschiedene Zuschauer hätten ihm an unterschiedlichen Tagen, an unterschiedlichen Orten und unabhängig voneinander dasselbe gesagt: „Wissen Sie, was faszinierend ist? Meine Freunde denken immer noch, wir schauen die Videos wegen der Autos. Wir schauen die Videos, weil wir Ihnen gerne zuhören.“

Daraus ist Kraemers Kernthese für moderne Markenkommunikation geworden: „Wenn ein Unternehmen nicht redet – mit einem Gesicht – ist es in den nächsten vier, fünf, sechs Jahren wenig wert. Es wird überholt werden von Unternehmen, die ein deutlich schlechteres Produkt haben, aber das Unternehmen redet, hat eine Stimme, hat eine Vertrauensbasis.“ Klassische Produkt-PR („wir haben so viel investiert, unser Produkt kann das und das“) werde „keine Sau mehr interessieren“. Sein Lieblingsbeispiel: das iPhone. Konkurrenzgeräte könnten technisch oft mehr – gekauft werde es trotzdem nicht.

18 Firmen, 80 Mitarbeiter – und die Werkstatt als Hauptquartier

Was viele unterschätzen: Hinter JP Performance steht inzwischen ein vielschichtiges Imperium mit rund 18 Unternehmen und mehr als 80 Mitarbeitern. Der Umsatz der Gruppe liegt nach öffentlichen Zahlen knapp unter 100 Millionen Euro. Bemerkenswert: aufgebaut in etwa zehn Jahren, ohne Investoren, ohne Banken, ausschließlich aus eigener Kraft.

Das Portfolio reicht von Werkstatt und Felgenhandel über mehrere eigene Kleidungsmarken, die Autopflegeserie „Dr. Glossi“ bis hin zum eigenen Burger-Restaurant und Café in Dortmund. Allein der Burger-Laden zählt im Schnitt rund 15.000 Gäste pro Woche – Kraemer ist nach eigener Aussage der zweitgrößte deutsche Coca-Cola-Abnehmer unter den Einzelgastronomen. Hinzu kommt ein eigenes Automobilmuseum mit über 100 Fahrzeugen, das alle sechs Monate die Ausstellung wechselt – und ein im Bau befindliches Kartbahn-Hotel-Projekt.

Trotzdem sitzt der Chef nicht in einem Eckbüro. „Ich beginne den Tag in der Werkstatt und der Tag endet auch in der Werkstatt. Ich schraube jeden Tag.“ Sogar alle Meetings finden auf dem Werkstattboden statt: „Ich kann da am freisten denken und mich gut konzentrieren.“ Gesteuert wird das Unternehmen größtenteils über WhatsApp.

Die Content-Maschine: Jeden Tag 11:30 Uhr

Seit Jahren erscheint montags bis freitags pünktlich um 11:30 Uhr ein neues Video. Der Vorlauf ist enorm: Sieben bis acht Wochen voll produzierter Inhalte liegen jederzeit auf Lager. Geplant ist der Content-Kalender bis Februar/März des Folgejahres. Ein siebenköpfiges Team dreht und schneidet, alles wird One-Take aufgenommen: „Nichts wird zweimal gedreht.“

Das Erfolgsrezept ist für Kraemer einfach: Empathie schlägt Algorithmus. „Verstehen, was die Leute wollen – wenn du das kannst, kannst du alles nach vorne ziehen.“ Aufrufe von „Likes, Abos, Glocke“ hält er für Zeitverschwendung: „Das ist das Schlechteste, was man machen kann. Diese ganzen Funktionen dienen den Leuten, die nicht verstehen, was die Zuschauer wollen.“

Qualität als Obsession – „Das hätte ruhig teurer sein dürfen“

In allen Geschäftsbereichen verfolgt Kraemer dieselbe Philosophie: Das Produkt muss so gut und so fair bepreist sein, dass der Käufer denkt: „Das hätte ruhig teurer sein dürfen.“ Klamotten, Burger, Reinigungsmittel, Felgen – alles wird selbst entwickelt, getestet und produziert. „Ich backe auch selbst die Zimtschnecken. Alles, was ich tue, tue ich ganz. Ich sehe bis heute wenig Logik im Halbmachen.“

Spannend: Das naheliegende Geschäftsmodell, in der eigenen Werkstatt Kundenfahrzeuge im Premiumsegment aufzuarbeiten und mit Marge weiterzuverkaufen, lehnt er bewusst ab. „Wenn ich ein Auto für viel Kohle mache, freut sich einer. Ich möchte, dass sich viele Menschen freuen.“ Sein teuerstes Produkt: ein Reinigungs-Komplettset für 119 Euro.

Klare Worte zur deutschen Autoindustrie

Auch politisch nimmt Kraemer kein Blatt vor den Mund. Die Lage der deutschen Automobilindustrie mache ihn „nicht traurig, sondern sauer“. Die Konzerne hätten „eine Zudevote-Haltung gegenüber dem Weltmarkt“ eingenommen, statt eigene Produkte, eigene Designsprache und eigenen Mut zu setzen. „Wir nehmen uns die Butter vom Brot nehmen wie nichts.“ Auch beim Umgang mit dem Nachwuchs und der Attraktivität handwerklicher Berufe sieht er massive Defizite.

Über Tesla sagt er pragmatisch: „Wir können von Glück sprechen, dass die Autos nicht schön sind. Sie sprechen meinen Geschmack nicht an. Sie sind aber in jeglichem anderen Punkt maßgeblich gut. Das ist der Weg, wie man Mobilität dem Menschen anbieten kann.“ Statt sich an Argumenten wie Spaltmaßen abzuarbeiten, sollten deutsche Hersteller „sich mal auf den Arsch setzen und das besser machen“.

Internationaler Ausblick

JP Performance wächst inzwischen auch international – vor allem in Richtung USA, England und Japan. US-Kollegen besuchen Kraemer in Dortmund und sind nach eigener Aussage erstaunt, was hier auf engstem Raum entstanden ist: Werkstatt, Museum, Burger-Laden, Klamottenmarken – und ein Gesicht, das jeden Tag wirklich vor der Kamera steht und gleichzeitig wirklich in der Werkstatt schraubt.

Was bleibt

Wer im Podcast genau zuhört, hört keinen klassischen Influencer reden. Sondern einen Unternehmer alter Schule mit ungewöhnlichen Werkzeugen: Disziplin („Ich bin aus Angst groß geworden, jeden Tag“), Empathie, das eigene Tun bis ins Detail beherrschen – und ein gesundes Misstrauen gegen alles, was nur nach Wachstum aussieht. Auf weitere Firmen will Kraemer sich noch einlassen („vier, fünf neue, sehr große Projekte“). Danach, verspricht er, ist Schluss. „Manchmal gucke ich zurück und denke mir: Wie habe ich das alles gemacht?“


Quelle: OMR Podcast #836 mit Philipp Westermeyer, „JP Performance: Vom Porsche-Praktikanten zum größten Auto-Influencer“, veröffentlicht am 14. September 2025. Länge ca. 1h 42 min.


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