Baden-Württemberg hatte einmal Politiker, die nicht geschniegelt wirken mussten, um ernst genommen zu werden. Politiker, bei denen man nicht erst durch drei Interviews und vier Sprechblasen steigen musste, um ungefähr zu verstehen, wofür sie stehen. Politiker mit Gewicht, mit Richtung, mit Charakter. Und ja: Gerade die CDU hat im Südwesten einmal solche Köpfe hervorgebracht.

Wenn heute viele Bürger auf die Politik schauen und nur noch Taktik, Verwaltung und austauschbare Karrieren sehen, dann ist das kein Zufall. Es gab in Baden-Württemberg eine Zeit, da war Politik noch stärker mit Persönlichkeit verbunden. Drei Namen stehen dafür besonders deutlich: Gebhard Müller, Lothar Späth und Erwin Teufel.

Gebhard Müller: Staatsmann statt Parteimanager

Gebhard Müller war nicht einfach nur ein Politiker der CDU. Er war Ministerpräsident von Baden-Württemberg und später Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Schon diese Laufbahn zeigt, welches staatsmännische Format Baden-Württemberg einmal hervorgebracht hat. Müller steht für eine Zeit, in der politische Führung noch mit Ernst, Verantwortung und institutionellem Gewicht verbunden war.

Genau solche Figuren fehlen heute vielen Bürgern. Nicht, weil früher alles besser war. Sondern weil man damals zumindest noch das Gefühl haben konnte, dass da jemand steht, der mehr ist als das Produkt eines Apparats.

Lothar Späth: Aufbruch statt Leerlauf

Lothar Späth war ein völlig anderer Typ. Weniger staatsrechtliche Gravität, dafür mehr Energie, mehr Zug, mehr Zukunftsinstinkt. Die Landeszentrale für politische Bildung beschreibt ihn als unverwechselbares „Cleverle“ und als konservativen Modernisierer, der Aufbruchsstimmung, Innovationsbegeisterung und Bürgernähe verkörperte. Er prägte Baden-Württemberg von 1978 bis 1991.

Und genau das ist der Unterschied zu heute: Späth wirkte nicht wie jemand, der Politik nur verwaltet. Er wirkte wie jemand, der gestalten wollte. Man konnte ihn mögen oder kritisieren, aber man konnte ihn nicht mit einem x-beliebigen Funktionspolitiker verwechseln.

Erwin Teufel: Glaubwürdigkeit statt Politiksprache

Erwin Teufel stand wiederum für eine andere Stärke: Ruhe, Bodenhaftung und Vertrauen. Der Staatsanzeiger schreibt, dass Lothar Späth und Erwin Teufel Baden-Württemberg zusammen über mehr als zweieinhalb Jahrzehnte geprägt haben. Teufel selbst formulierte einen Satz, der heute fast wie eine Ohrfeige für die politische Gegenwart klingt: „Vertrauen ist die wichtigste Ressource in der Politik. Wie entsteht Vertrauen? Worte und Taten dürfen nicht zu weit auseinander liegen.“

Genau da liegt heute für viele Menschen der Bruch. Sie hören Ankündigungen, Versprechen und wohlklingende Formeln — und erleben dann etwas anderes. Der Vertrauensverlust kommt nicht aus dem Nichts. Er kommt daher, dass politische Sprache und politische Realität für viele längst auseinanderdriften.

Warum diese Politiker bis heute nachwirken

Gebhard Müller stand für staatspolitischen Ernst. Lothar Späth für Aufbruch und Modernisierung. Erwin Teufel für Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit. Das waren drei sehr unterschiedliche Typen, aber jeder von ihnen hatte etwas, das heute selten geworden ist: Format.

Und genau deshalb wirkt die Frage so unangenehm wie berechtigt:
Wo sind die großen CDU-Politiker in Baden-Württemberg geblieben?

Denn das Problem vieler Wähler ist längst nicht mehr nur die Unzufriedenheit mit einzelnen Entscheidungen. Das Problem ist tiefer. Viele sehen keine politischen Persönlichkeiten mehr, zu denen sie wirklich aufschauen, denen sie Verantwortung zutrauen oder für die sie mit Überzeugung zur Wahl gehen würden.

Baden-Württemberg wirkt größer als sein politisches Personal

Baden-Württemberg ist wirtschaftlich stark, kulturell eigenständig und politisch eigentlich ein Land, das Gewicht haben müsste. Umso auffälliger ist es, wenn die politische Klasse oft kleiner wirkt als das Land selbst. Vieles erscheint heute sprachlich geschniegelt, strategisch abgesichert und bloß nicht zu eindeutig. Doch genau damit gewinnt man vielleicht Parteitage — aber nicht automatisch Respekt.

Früher hatte die CDU im Südwesten Politiker, an denen man sich reiben konnte, die aber ein klares Profil hatten. Heute fehlt vielen Menschen genau dieses Profil. Nicht überall, nicht bei jedem. Aber insgesamt so deutlich, dass daraus ein politisches Vakuum entstanden ist.

Die eigentliche Krise: Es fehlt an Größe

Vielleicht ist das die eigentliche Krise der Politik in Baden-Württemberg: nicht nur Streit um Inhalte, sondern Mangel an politischer Größe. Vielleicht werden starke Charaktere in den heutigen Parteiapparaten zu früh angepasst, geglättet oder aussortiert. Vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele Bürger innerlich aussteigen, obwohl sie das Land und seine Zukunft durchaus ernst nehmen.

Die Frage ist also nicht nur, wo die Wähler geblieben sind. Die Frage ist auch, wo die Politiker geblieben sind, für die man überhaupt noch mit Respekt stimmen will.


Wie siehst du das?
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