Ola Källenius fordert, Deutschland müsse „wieder mehr arbeiten“. Dazu die Warnung: Wenn die Wirtschaft weiter abrutscht, drohe ein politischer Rechtsruck – und „rechts“ habe keine Lösungen. Das ist ein Satz, der als Schlagzeile funktioniert. Aber als Analyse ist er zu klein.

Denn Deutschland steht nicht vor der Frage, ob wir ein paar Stunden mehr leisten können. Deutschland steht vor der Frage, ob wir Wertschöpfung schaffen, während KI, Software und Robotik ganze Tätigkeitsfelder neu sortieren. Die entscheidende Fähigkeit ist nicht „länger arbeiten“, sondern produktiver arbeiten – technologisch gestützt, besser qualifiziert, effizient organisiert.

Und genau deshalb wirkt diese Forderung ausgerechnet aus dem Mund des Mercedes-Chefs wie ein schlechter Witz. Nicht, weil Deutschland keine Probleme hätte. Sondern weil Källenius damit den Blick wegzieht von dem, worum es wirklich geht: Management-Entscheidungen, Prozessqualität, Produktstrategie, Kostendisziplin, Transformationskompetenz.

Der Satz klingt nach Leistung – ist aber ein Reflex von gestern

„Mehr arbeiten“ ist ein klassischer Reflex, wenn Wirtschaft schwächelt. Man zeigt auf Arbeitsmoral, auf Teilzeit, auf „die Deutschen“. Das wirkt griffig, weil es menschlich ist – und weil es die Verantwortung elegant verteilt: weg vom System, hin zum Individuum.

Nur: Die industrielle Realität 2026 ist nicht die von 1995. Wir erleben gerade nicht nur Konjunktur, sondern Strukturwandel. Wer in dieser Lage „mehr arbeiten“ ruft, beantwortet nicht die Kernfrage: Mehr arbeiten – in welchen Jobs, mit welchen Tools, für welchen Output?

Wenn Menschen länger für dasselbe Ergebnis brauchen, wird das Land nicht wettbewerbsfähiger. Es wird nur müder.

Die eigentliche Wende heißt KI + Robotik + Qualifizierung

Die produktive Zukunft entsteht dort, wo Menschen und Maschinen intelligent zusammenarbeiten. Nicht dort, wo man Arbeitszeit streckt. KI wird Prozesse beschleunigen, Fehler reduzieren, Planung verbessern, Qualitätskontrolle automatisieren, Support und Verwaltung umkrempeln. Robotik wird in der Fertigung weiter normal werden. Viele Tätigkeiten werden verschwinden, andere entstehen – und dazwischen klafft die Lücke, die über Wohlstand entscheidet: Qualifizierung.

Wer diese Wende ernst nimmt, redet anders. Er redet über Weiterbildung, über standardisierte Prozesse, über Datenqualität, über verlässliche Infrastruktur, über schnelle Genehmigungen, über Energiepreise. Er redet über Produktivität, nicht über Pflichterfüllung.

Das Bemerkenswerte: Ausgerechnet Mercedes selbst kennt diese Logik. Das Unternehmen spricht seit Jahren über digitale Produktion und Effizienzhebel. Umso irritierender ist, dass der CEO öffentlich eine Debatte befeuert, die so wirkt, als wäre Technologie nur Kulisse – und das „Mehr“ müsse am Ende wieder der Mensch schultern.

„Rechts hat keine Lösungen“ – Moral ersetzt keine Bilanz

Der zweite Teil von Källenius’ Auftritt ist politisch: „Rechts“ habe keine Lösungen. Man kann das für sich so bewerten. Aber als CEO ist es vor allem eines: bequem. Moralische Seitenhiebe wirken wie Entschlossenheit, sind aber häufig nur eine Abkürzung, um nicht über konkrete, unpopuläre Maßnahmen zu sprechen.

Und es gibt noch ein Problem: Wer so gern über „Lösungen“ spricht, sollte zumindest im eigenen Verantwortungsbereich überzeugend geliefert haben. Genau daran entzündet sich der Ärger vieler Beobachter – nicht nur in Kommentarspalten, sondern auch in der Branche.

Wenn sogar der Handel rebelliert, ist der Tonfall fehl am Platz

Es gab in den letzten Jahren spürbaren Unmut im Mercedes-Ökosystem: über Preispolitik, Strategie, Kundennähe. Wenn die eigene Vertriebswelt öffentlich sichtbar unruhig wird, ist das ein Signal. Nicht zwingend, dass jeder Vorwurf stimmt – aber dass die Reibung real ist.

Und dann wirkt es schräg, der Gesellschaft zu erklären, sie solle „mehr leisten“. Der Satz kippt in eine Botschaft, die viele hören als: „Ihr seid das Problem.“ Dabei wäre genau das Gegenteil nötig: ein glaubwürdiger Plan, wie Industrie, Politik und Bildung gemeinsam produktiver werden.

Smart forTwo: Eine Entscheidung, die heute doppelt zurückschlägt

Der Smart fortwo war nie nur ein Auto. Er war eine Idee: minimalistisch, urban, konsequent. Die Produktion wurde beendet – und damit verschwand ein Symbol für kleine, europäische Stadtmobilität. Gleichzeitig hat sich Smart strategisch in Richtung größerer, chinesisch produzierter E-Modelle verschoben.

Und nun tauchen Berichte über eine Rückkehr ins Zweisitzer-Segment auf – sinngemäß: ein neuer fortwo-Gedanke, nur eben unter anderen Vorzeichen und mit anderer Wertschöpfung.

Selbst wenn das betriebswirtschaftlich erklärbar ist: Strategisch sendet es eine Botschaft, die in Deutschland Gift ist. Erst die kleinste, städtische Lösung sterben lassen – dann die Idee wieder ausgraben, aber die Produktion außerhalb verorten. In genau dieser Lage „mehr Arbeit“ zu fordern, wirkt wie eine Verwechslung von Ursache und Wirkung.

Motoren aus China im europäischen Mercedes: Globalisierung als Identitätsfrage

Noch heikler wird es, wenn zentrale Komponenten – etwa Antriebe – in China gefertigt und in europäischen Fahrzeugen verbaut werden. Das kann Sinn ergeben: Kosten, Skalierung, Lieferketten, Partnerschaften. Aber dann sollte man auch ehrlich sein, was Wettbewerbsfähigkeit heute bedeutet.

Wer globale Produktionslogik nutzt, kann nicht gleichzeitig so tun, als hinge die nationale Wettbewerbsfähigkeit primär daran, ob Menschen hierzulande ein paar Stunden länger im Büro sitzen. Die Modernisierung läuft über Systeme: Technologie, Prozesse, Standorte, Produktpolitik – nicht über Durchhalteparolen.

Warum dieser Appell so wütend macht

Viele Menschen sind nicht „leistungsunwillig“. Viele sind schlicht frustriert, weil sie spüren: Die Welt wird technischer, schneller, härter – und trotzdem lautet die öffentliche Debatte oft wie früher. Wenn dann ein Top-CEO das Thema auf Arbeitszeit verengt, klingt das wie ein Ablenkungsmanöver.

Die ehrlichere Botschaft wäre: Wir brauchen ein Produktivitäts-Update. KI-Kompetenz in Schulen und Betrieben. Schnellere Verwaltung. Realistische Energie- und Industriepolitik. Und Unternehmen, die ihre eigenen Hausaufgaben machen: Qualität, Kosten, klare Produktstrategien, nachvollziehbare Entscheidungen.

Schluss: Mehr Arbeit ist kein Plan. Produktivität ist der Plan.

Deutschland braucht keine moralische Arbeitszeit-Debatte. Deutschland braucht einen nüchternen Blick auf Wertschöpfung im KI-Zeitalter. Wer das ernst meint, spricht über Qualifizierung, Automatisierung und industrielle Exzellenz – nicht über „mehr arbeiten“.

Und wenn diese Forderung aus dem Mund eines CEOs kommt, dessen Entscheidungen selbst als Teil des Problems wahrgenommen werden, dann bleibt eine Frage im Raum, die sich nicht wegmoderieren lässt: Warum steht ausgerechnet er so gern am Mikrofon, wenn es um die Arbeitsmoral anderer geht?


Was ist an „mehr arbeiten“ als Lösung falsch?

Weil Arbeitszeit allein keine Produktivität garantiert. Im KI- und Robotik-Umbruch zählt, wie effizient Prozesse sind, wie gut Qualifizierung gelingt und wie schnell Technologie Wertschöpfung erzeugt.

Was wäre die bessere Debatte für Deutschland?

Produktivität durch KI, Robotik und Weiterbildung – plus Infrastruktur, schnelle Genehmigungen, wettbewerbsfähige Energiepreise und weniger Bürokratie.

Warum ist Kritik an Källenius’ Rolle als CEO Teil der Argumentation?

Weil Glaubwürdigkeit in solchen Appellen stark davon abhängt, ob die eigene Strategie, Produktpolitik und Transformationsleistung überzeugen – gerade bei einem Konzern, der selbst unter Transformationsdruck steht.

Welche Rolle spielt Smart fortwo in der Kritik?

Weil Smart forTwo als Symbol für europäische City-Mobilität gilt. Entscheidungen rund um dessen Ende und mögliche Neuauflagen werden als strategischer Bruch wahrgenommen – besonders im Kontext von Standort- und Wertschöpfungsfragen.


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